Rumänien, eine romanische Nation? Historische Perspektiven auf den Kollaps des Kulturnarrativs der rumänischen Romanität

(Auszug aus dem Beitrag “Im Abseits. Warum Rumänien ignoriert wird.” von Thomas M. Bohn und Albert Weber in Osteuropa 69 (2019), H. 6-8, S. 328f.)

“Die Romanität von Herkunft, Kultur und Sprache ist stets ein zentrales Narrativ der rumänischen Nationalbewegung gewesen und hat ihr Denken und Wirken seit Beginn des 19. Jahrhunderts im In- und Ausland bestimmt: Die Romanität war die kulturelle Brücke, über welche die Rumänen nach außen eine enge Verbindung zum „lateinischen Europa“ aufbauen und zugleich nach innen eine „De-Orientalisierung“ ihrer Kultur betreiben wollten.

Vor allem die Verbindung zu Frankreich als „Brudernation“ hatte im 19. Jahrhundert eine immense Wirkung auf die entstehende moderne rumänische Kultur und Sprache: Zahlreiche rumänische Intellektuelle, Kulturschaffende und Politiker haben in Frankreich studiert und nach ihrer Rückkehr in die Heimat den Staat und die Gesellschaft nach französischem Vorbild zu formen versucht. (…) Nach dem Zusammenbruch des rumänischen Staatssozialismus oder im Zuge der Transformation des rumänischen Nationalkommunismus erwies sich die lang gepriesene Verbundenheit mit den romanischen Völkern jedoch als ein brüchiges Konstrukt. Wurden die früheren Kontakte vor allem von den Bildungsträgern gepflegt, die Franzosen und Italienern ein idealisiertes Bild der eigenen Kultur vermittelten, so änderte sich die Situation in den 1990er und insbesondere in den 2000er Jahren dadurch, dass infolge der Liberalisierung des Arbeitsmarkts viele Rumänen aus der Unterschicht nach Italien, Frankreich und Spanien zogen. Die bis dahin in den Gastländern bestehende Vorstellung vom romanischen Rumänien zerbrach infolge eines oftmals nicht unproblematischen Zusammenlebens mit zahlreichen unqualifizierten rumänischen Arbeits- und Armutsmigranten. Typisch war die Gleichsetzung von Roma und Rumänen, die vor allem in den 2000er Jahren in Italien und Frankreich die interkulturellen Beziehungen stark belastete. Danach wurde in diesen Ländern auch die über Generationen bestehende Wahrnehmung erschüttert, dass die Rumänen in kultureller Hinsicht zur Familie der romanischen Völker gehörten. Stattdessen gelten sie seit der Jahrtausendwende vielfach wieder als rückständige Nation aus Osteuropa, bei der man nicht so recht eine kulturhistorische Verbindung zu Ländern wie Italien, Frankreich oder Spanien ausmachen kann.”

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